die idee

 

Über das Reisen ist so viel schon gesagt worden, alles vielleicht. Also kann es nur noch um die Färbungen gehen, um das Wie. Wie eigentlich immer im Leben: nicht was, sondern wie? Und schon sind wir mittendrin, und die Reise beginnt.

> Tenojoki

Als ich mich auf die Suche machte, einen Namen für meine Unternehmung zu finden, führte mich mein gedanklicher Weg immer höher in den Norden. Dorthin, wo die Landschaft offen und der Himmel weit ist, und wo die Namen fremder und die Richtungen immer eindeutiger werden. Eine Richtung haben. Tenojoki - ich folge deinem Klang.

Der Tenojoki (norwegisch Tanaelv) ist Grenzfluss zwischen Norwegen und Finnland in der nordöstlichsten Landschaft Europas. Er mündet nach kurzem, kraftvollem Lauf, und nachdem er sich zu einem riesigen Flussdelta erweitert und wieder beruhigt hat, zwischen den Gemeinden Gamvik und Berlevåg in den Nordatlantik. Die Schreibweise (joki/jokka) ist Dialekt abhängig und taucht ebenso in Ableitungen russischer Flussnamen auf (On-ega; -enga...). Teno entspricht wiederum dem Germanischen „dehnen“, und damit einem Bild von „groß, mächtig und weit“.

In der sich endlos dehnenden und mit Moosen und Flechten bedeckten Weite Lapplands ahnt man den Entwurf einer möglichen Freiheit. Und man versteht, worum es beim Reisen geht: Um die Enträtselung der Bilder in und um uns herum. Um den Aufbruch in das immer wieder Unbekannte, und um die Freude der Ankunft nach langer Fahrt. Immer wieder: Aufbruch und Ankunft.

Wo gehn wir denn hin, fragt die Stimme in uns. Immer nach Hause, ist die Antwort. Nicht existenziell wie vor Tausenden oder gar vor Millionen von Jahren, aber im Urbild des Menschen enthalten: Nicht haben müssen, sondern sein wollen. Und jenes „ich bin“ im Inneren verankert, damit es sich sicher reisen lässt, von Ort zu Ort und rund um die Welt.

> Bertold Brecht "Finnische Landschaft"

 

Bertolt Brecht  (10.2.1898 - 14.8.1965)

 

Als Lyriker in der deutschen Sprache ist Brecht unübertroffen. Andere neben ihm, keiner über ihm. Leicht geht das unter im Lärm der vielen Dramen, die er – auch um sich selbst - inszenierte. Er war einer über den Dingen, keiner, der sich gefangen nehmen ließ. Seine Flucht aus Nazi-Deutschland führte ihn über Dänemark, Schweden und Finnland (1933-40) und über Moskau und Wladiwostok nach Kalifornien.

Das Gedicht „Finnische Landschaft“ entstand 1940 während seines Aufenthaltes in Helsinki. Handlungsempfehlung: Das Gedicht sei laut zu lesen!

 

Finnische Landschaft

 

Fischreiche Wässer! Schönbaumige Wälder!

Birken- und Beerenduft!

Vieltöniger Wind, durchschaukelnd eine Luft

So mild, als stünden jene eisernen Milchbehälter

Die dort vom weißen Gute rollen, offen!

Geruch und Ton und Bild und Sinn verschwimmt.

Der Flüchtling sitzt im Erlengrund und nimmt

Sein schwieriges Handwerk wieder auf: das Hoffen.

 

Er achtet gut der schöngehäuften Ähre

Und starker Kreatur, die sich zum Wasser neigt

Doch derer auch, die Korn und Milch nicht nährt.

Er fragt die Fähre, die mit Stämmen fährt:

Ist dies das Holz, ohn das kein Holzbein wäre?

Und sieht ein Volk, das in zwei Sprachen schweigt.

> Wege gehen

 

Einige meiner Reisen sind Wanderreisen. Aber es geht in erster Linie und am Ende um die Wege selbst. Wege wollen, weg wollen. Man will weg, man sucht einen Weg. Nichts Großartiges, aber irgendwie ist es immer mit dabei und mitgedacht, und es ist partout nicht die Richtung, in die man geht, sondern einfach, dass der Weg vor einem liegt und gegangen werden will. Weg und Wanderer gehören zusammen, das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Der Weg ist die Erinnerung! Und Wandern heißt - so seltsam das klingt - sich erinnern.

 

Manchmal sehe ich einen Weg weit in der Ferne, etwa auf der anderen Seite des Rheins, oder von der Autobahn aus, und ich sage oder denke sofort: den möchte ich gehen. Ich habe hier alles was ich brauche, nichts fehlt, aber dieser Weg dort... Wohin er führt? Eine Frage, die keine Antwort sucht. Auch hier: der Weg ist nur Erinnerung, und am Ende immer der eigene Werde-Gang.

 

Natürlich ist es nicht dieser Weg, sondern mein Wunsch, mich ihm gehend gebend anzuvertrauen. Nicht fragen wohin, sondern einfach aufbrechen, und kein Ziel haben. Einfach sein dürfen. In einer Welt, die nur noch aus Zielen besteht, ist es beruhigend, einmal gehen können und sein dürfen, ohne zu wissen wohin und warum.

 

Von J.R.R. Tolkien (1892-1973) stammt das folgende Gedicht

 

Die Straße gleitet fort und fort,

weg von der Tür, der sie entstammt,

weit über Land, von Ort zu Ort,

ich folge ihr so gut ich kann.

Ihr lauf ich müden Fusses nach,

bis sie sich groß und weit verflicht,

mit Weg und Wagnis tausendfach,

und wohin dann, ich weiß es nicht.

> Mücken

Das Thema Mücken

 

Ein ernstes Wort. Es gibt sie. Und ja, sie sind so, wie Sie es sich schon immer in Ihren Gedanken ausgemalt haben: grauenvoll und unerträglich. Und wer je in eine Wolke aus diesen kleinen Ungeheuern geriet, ist geheilt von all der schönen Natur, die es hier im Norden geben soll; geheilt von den einsam kostbaren Plätzen, die sich wie Perlen um die Seen reihen und Blicke auf Labyrinthe unterschiedlichster Gewässer bieten; er will auch nichts mehr wissen von dem sinnlichen Übermaß schwarz geteerter und nach uraltem Holze duftender Hütten inmitten blauschimmernder Seen; überhaupt, er entsagt dem beerigen Geschmack und harzig frischen Geruch der Tundra sowie auch dem Anblick schmaler Trampelpfade, die sich durch sattgrün leuchtende oder orangerot schimmernde Weiden- Moose- und Flechtenlandschaften hinziehen, oftmals bis zum Horizont...

 

Darum wandern wir im Herbst. Wenn die Nächte kälter werden und die Tage klar und leuchtend sind. Mücken vertragen keine Kälte. Eine einzige kalte Nacht Ende August genügt, und sie sind weg. Das ist seit Millionen von Jahren so, und wird darum auch noch für unsere Wanderungen so sein. Das Leben in Lappland geht auch im Sommer seinen Gang, unvergleichlicher und schöner als an vielen anderen Orten einer gemäßigteren Welt. Aber im Herbst, der in diesen Breiten mit dem Ende des Augusts beginnt, und wenn alle Mücken aller Arten (übrigens auch die meisten Touristen aller Arten) verschwunden (oder abgereist) sind, dann blüht diese Landschaft erst richtig auf und feiert ihr Fest aus Farben und Düften.

Peter Simon | 04631 4418575 | simon@tenojoki.de